Reportage: eine Familie und ihr Leben im Mehrgenerationenhaus

Lars Gabriel Meier 8 Minuten

Auto, Spielsachen, Sportgeräte: Seit Familie Strobel in ein Mehrgenerationenhaus gezogen ist, kann sie vieles mit der Hausgemeinschaft teilen und muss sich manches gar nicht erst neu anschaffen. Im Alltag spart die Familie so Ressourcen. Trotzdem spielt Konsum im Leben der drei Kinder eine Rolle. Eine Familie zwischen bewusstem Teilen und Konsumfragen.

Felix erinnert sich noch gut an den Moment, als er das erste Mal von diesem besonderen Wohnprojekt erfuhr: «Ich habe damals in der Zeitung davon gelesen.» Was ihn genau daran gereizt habe, könne er rückblickend nicht mehr sagen. «Aber in dieser Sekunde war für mich klar: Dort will ich wohnen!» Die Euphorie von damals ist direkt wieder spürbar. Gemeinschaftlich zu wohnen sei schon immer ein Traum des gelernten Kaufmanns gewesen, der nach einer Zweitausbildung heute als Lokführer arbeitet. «Das klassische Kleinfamilienwohnen, wo jeder für sich lebt, war nie mein Ding.»

Seine Frau Regula brauchte hingegen länger, um diese Entscheidung zu fällen. Seit sie sich erinnern kann, hat sie in derselben Stadt gelebt. «Mein ganzes Umfeld war dort. Die Vorstellung, umzuziehen, löste ein Gefühl der Entwurzelung in mir aus.» Überzeugt habe sie schliesslich doch das Gesamtpaket – zum einen das Leben auf dem Land, zum anderen das Konzept des Mehrgenerationenwohnens an sich.

Vieles wird geteilt

Inzwischen lebt die fünfköpfige Familie seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren in einer 4,5-Zimmer-Wohnung des Mehrgenerationenhauses. Insgesamt wohnen über 40 Personen hier, aufgeteilt auf gut 15 Wohneinheiten. Dass die Gemeinschaft im Vordergrund steht, zeigt sich im Alltag – vieles wird geteilt. Darunter fällt etwa ein Teil der Räume, wie zum Beispiel der Estrich. «Dort gibt es einerseits vielfältiges Spielzeug für die Kinder, andererseits aber auch einen Töggelikasten und Sportgeräte», berichtet die Familie. Des Weiteren steht im Gebäude eine Sauna allen Bewohnerinnen und Bewohnern zur Benutzung offen.

Im Estrich steht unter anderem ein Töggelikasten zum Spielen bereit.

Auch in Sachen Mobilität wird geteilt. Zwar besitzt ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner ein eigenes Auto. Doch es gibt auch ein Fahrzeug, das der Gemeinschaft zur Verfügung steht. «Eine Partei des Hauses hat ein Auto angeschafft. Die Besitzer haben es bewusst mit dem Gedanken gekauft, es mit den anderen zu teilen. Dieses Auto können wir als Gemeinschaft nutzen», erklärt Regula.

Die Nutzung des Autos im Alltag wird pragmatisch organisiert: Es gibt einen digitalen Kalender, in dem man prüfen kann, wann das Auto frei ist und es entsprechend reservieren. Die Vergütung von 60 Rappen pro Kilometer erfolgt nach der Fahrt bequem via Bezahl-App an die Besitzer. Auch Versicherungen, Steuern und andere administrative Aufgaben für das Auto laufen über sie.

Die Strobels können ein Auto mitbenutzen, welches eine andere Partei des Hauses angeschafft hat. Auf dem Estrich können sich die Kinder zudem mit verschiedenen Sportgeräten und Spielzeugen austoben.

Leben im Mehrgenerationenhaus hat Konsumverhalten verändert

Das Leben im Mehrgenerationenhaus hat das Konsumverhalten der Familie verändert. «Unsere Nachbarn besitzen eine Kapla-Box mit tausend Hölzchen», nennt Regula ein weiteres Beispiel. «Es käme mir nie in den Sinn, so etwas ebenfalls zu kaufen, wenn wir uns die Box einfach bei ihnen ausleihen können.»

Doch das Teilen beschränkt sich nicht nur auf Gegenstände. «Über das Materielle hinaus teilen wir auch unser Leben – Sorgen, Nöte, aber auch Freude. Man teilt einfach auch emotionale Energie», sagt die gelernte Pflegefachfrau, die aktuell Deutsch als Zweitsprache in einem Kindergarten unterrichtet.

In nummerierten Schränken lagern Gegenstände, die von allen genutzt werden können – wie zum Beispiel ein Fondue-Caquelon.

Zusammen reden – selbst entscheiden

Vier- bis fünfmal im Jahr treffen sich die Eltern im Mehrgenerationenhaus zu informellen Sitzungen, um sich zu verschiedenen Themen in der Kindererziehung auszutauschen. «Die ältesten Kinder hier im Haus sind in Tians Alter», erklärt Felix. «Aktuell sind wir uns mit den anderen Eltern einig, dass Smartphones im Moment für die Kinder noch nicht infrage kommen. Wenn sich aber die erste Familie dafür entscheidet, wollen wir das noch einmal gemeinsam anschauen und besprechen.»

Viele Spiele muss die Familie gar nicht kaufen – sie kann sie sich im Mehrgenerationenhaus ausleihen.

Anfang 2025 hat der Dachverband Budgetberatung Schweiz neue Empfehlungen zur Höhe des Sackgelds veröffentlicht. Diese will Felix ebenfalls an einer kommenden Sitzung noch einmal aufs Tapet bringen. «Nicht, dass auf einmal ein Kind zum Beispiel zwanzig Franken Sackgeld bekommt und ein anderes im gleichen Alter für den gleichen Zeitraum nur die Hälfte. In unserer Wohnform ist es darum sinnvoll, solche Dinge gemeinsam zu diskutieren.»

Es gehe dabei aber nicht darum, alles kollektiv zu entscheiden und alles genau gleich zu lösen. So sehr hier der Grossteil der Dinge auf Gemeinschaft ausgerichtet ist, sind sich beide einig: «Am Ende muss jede Familie ihren eigenen Weg finden.»

Vorerst wird das Sackgeld nicht erhöht

Tian und Silja, die beiden älteren Kinder, bekommen momentan einen Franken pro Schuljahr und Woche als Sackgeld. «Wir sind noch nach den alten Sackgeldempfehlungen unterwegs», kommentiert Felix. Gedanken über die Höhe machten sich die Eltern damals bei Tians Einschulung nicht gross. «Das war eher intuitiv», hält Regula fest.

Von den neuen Sackgeldempfehlungen erfuhren die Eltern damals über die Medien. «Wir haben uns dann gesagt, wir müssten die Höhe des Sackgelds mal anpassen», erinnert sich Felix. «Dazu sind wir aber Stand jetzt noch nicht gekommen.»

Das Paar hat sich im Nachgang zwar darüber unterhalten, ist dann aber zu dem Schluss gekommen, dass eine Erhöhung aktuell nicht nötig ist: «Wir fanden es nicht nötig, das Sackgeld unserer Kinder zu erhöhen. In unseren Augen können sie sich mit dem aktuellen Betrag alles leisten, was sie möchten», hält Regula fest.

Eigenes Geld, eigene Entscheidungen

Tian und Silja bewahren ihr Sackgeld in einem Kässeli von Kinder-Cash auf. Besonderheit dieser Sparschweine: Es gibt verschiedene Abteile und die Kinder können selbständig ihr Geld einteilen. «Ich persönlich finde die Einteilung nicht optimal – investieren finde ich für ein Kind etwas abstrakt», sagt der Vater. Silja teilt ihr Geld noch nicht gezielt ein, merkt er an. Für sie ergibt die Einteilung aktuell noch keinen grossen Sinn. «Wenn sie Geld braucht, nimmt sie es einfach raus, egal in welchem Abteil.»

Bei Tian sieht das anders aus. Beispielsweise verwendet er die Batzen aus seinem Abteil für gute Taten gerne für eine Spende bei einem Besuch im Zoo. «Dort hat es ein Münzkarussell, wo man Münzen im Kreis runterrollen lassen kann. Das finde ich cool!», meint der Zehnjährige begeistert. Im Zuge dessen hat er bereits etwas herausgefunden: «Fünfräppler drehen am besten, wenn man sie einwirft», sagt er mit einem breiten Grinsen. Dass aus diesem Grund in seinem Kässeli im Abteil für gute Taten nur Fünfräppler landen, sei aber nicht der Fall: «Er kommt dann jeweils zu mir zum Geld wechseln», so Felix.

Tian und Silja bewahren ihr Sackgeld in einem Kässeli von Kinder-Cash auf.  Nesthäkchen Milena, begeisterte Malerin, wird im Sommer zur Einschulung ihr erstes Sackgeld erhalten.

Wo fliesst das Sackgeld hin?

Tian hat sich mit seinem Sackgeld vor Kurzem ein Kissen angeschafft – ein riesengrosses, wie die Mutter schmunzelnd ergänzt. «Ich habe im Bett bereits viele Kissen. Ich finde das bequem», erklärt der Viertklässler.

Das Kissen entdeckte er spontan bei einem Besuch der Familie in einem Möbelhaus – und kaufte es sofort. Kostenpunkt: 27 Franken. «Das Kissen kostete zwar nur 14 Franken, aber ich habe dann zusätzlich noch einen Bezug gekauft», so Tian weiter. Für seinen Wunsch setzte er den Grossteil seines Ersparten ein – vorher lagen in seinem Kässeli 32 Franken.

Wo das Sackgeld hinfliesst: Silja hat eine Schwäche für Plüschtiere; ihr Bruder Tian hat sich vor Kurzem ein Kissen angeschafft.

Grundsätzlich können die Geschwister mit ihrem Sackgeld machen, was sie wollen. Als Silja beim besagten Besuch im Möbelhaus noch einmal den genau gleichen Plüschhund kaufen wollte, den sie bereits zuhause hatte, ist Regula jedoch dazwischengegangen: «Ich habe meiner Tochter verboten, sich noch einmal das genau gleiche Plüschtier zu kaufen.»

Silja sieht das anders. Zwar habe sie schon einen grossen und einen kleinen Plüschhund dieser Art. «Der neue sollte dann das Geschwisterchen sein», erklärt die Zweitklässlerin. Regula hat dann folgendes angeboten: «Ich habe Silja gesagt, sie müsse halt noch einmal dafür sparen – ohnehin hatte sie nicht genug Geld für den Plüschhund. Und wenn der Wunsch in fünf Wochen immer noch so gross ist und sie dann das Geld beisammen hat, gehen wir gemeinsam noch einmal zurück und kaufen ihn dann.»

Noch nie geflogen, aber neugierig

Im Vergleich mit Gleichaltrigen spüren die Kinder Unterschiede hinsichtlich Lebensstil und Konsum. Keines der drei Kinder von Strobels ist beispielsweise je geflogen. «Mir liegt Nachhaltigkeit am Herzen», betont Felix. Ferien verbringt die Familie daher bevorzugt in der Schweiz oder im nahen Ausland. Bei den Gspänli der Kinder sieht das anders aus: Zypern, Ägypten, Argentinien und so weiter stehen dort auf dem Reiseplan.

«Ich bin der einzige in der Nachbarschaft in meinem Alter, der noch nie geflogen ist», merkt Tian etwas wehmütig an. Es seien aber weniger die Destinationen, sondern mehr das Fliegen als Erlebnis an sich. «Das will ich einfach einmal erleben», sagt er. Das Thema sei laut Regula zwar kein Dauerbrenner am Familientisch. «Aber zur Ferienzeit kann es schon mal aufkommen», so die Mutter. «In diesem Fall erklären wir den Kindern jeweils, dass Fliegen teuer ist und auch deutlich umweltschädlicher als Zugfahren.» Gerade Tian verstehe das schon ziemlich gut. 

Und auch wenn die kommenden Ferien nicht mit dem Flugzeug stattfinden, so freuen sich dennoch alle Familienmitglieder darauf: «Wir werden dann mit dem Nachtzug nach Italien reisen», sagt Felix. «Das ist auch etwas Spezielles, das nicht jeder macht.» Die Strobels schliessen ohnehin nicht aus, dass sie ihren Kindern das Erlebnis vom Fliegen eines Tages ermöglichen: «In ein paar Jahren wird es dann sicher mal eine Flugreise geben.»