Vor einem halben Jahr hat Tiziana (26) ihr Studium abgeschlossen und wenig später ihren ersten richtigen Job angetreten. Zum ersten Mal verdient sie ein regelmässiges Einkommen – und auch deutlich mehr, als es während des Studiums mit ihren sporadischen Nebenjobs der Fall war. Trotzdem ertappt sie sich selbst in letzter Zeit zunehmend dabei, wie sie sich um ihre Finanzen sorgt. «Das Geld reicht einfach nicht!», denkt sie sich immer wieder. Die Miete für die erste eigene Wohnung, Versicherungen, das Handy-Abo – all das und mehr will schliesslich bezahlt werden.
Tiziana ist es inzwischen unangenehm, mit Freundinnen auswärts essen zu gehen. Lieber erfindet sie einen Vorwand, um nicht mitzumüssen. Wenn es ihre Kolleginnen dann doch einmal schaffen, Tiziana zum Mitkommen zu überreden, bestellt sie immer das günstigste Gericht auf der Karte. Auch neue Kleidung kauft sie sich kaum: Sie trägt ihre Pullover und Jeans lieber so lange, bis sie wirklich ersetzt werden müssen.
Als sie an einem Wochenende ihre Eltern besucht, kommt genau das zur Sprache: «Du könntest dir doch mal wieder einen schönen Pullover gönnen», findet ihre Mutter. «Das kann ich mir nicht leisten», erwidert Tiziana ein wenig schärfer als beabsichtigt. Ihre Eltern sehen sie erstaunt an. Ihre Tochter verdient doch gut?
Dieses Beispiel macht deutlich: Man kann trotz gutem Gehalt Geldsorgen haben. Dieses Phänomen nennt man Gelddysmorphie.
«Mit Gelddysmorphie ist eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen finanziellen Situation gemeint», sagt Wirtschaftspsychologe Christian Fichter. Während bei der Körperdysmorphie Menschen ein falsches Bild ihres äusseren Erscheinungsbildes haben, betrifft die Gelddysmorphie das innere Bild vom eigenen Wohlstand.
Der Begriff stammt nicht aus der wissenschaftlichen Psychologie, sondern aus den sozialen Medien. Aus diesem Grund liegt bei Gelddysmorphie kein anerkannter Fachbegriff vor – der Begriff wird in erster Linie als populäre Metapher verwendet. «Es handelt sich dabei nicht um eine psychische Störung, aber um ein psychologisch durchaus erklärbares Wahrnehmungs- und Bewertungsphänomen im Umgang mit Geld», so der Experte.
Gelddysmorphie entsteht nicht über Nacht. Vielmehr entwickelt sie sich schleichend. Die Ursachen lassen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Eine sehr grosse Rolle spielen laut dem Experten wie bereits angetönt die sozialen Medien: «Reichtum wird auf diesen Plattformen ästhetisiert – schöne Wohnungen, Markenprodukte, Reisen, Lifestyle. Das erzeugt einen ständigen sozialen Vergleich, dem in der Realität niemand standhalten kann.» In der Praxis heisst das: Junge Menschen sehen ununterbrochen Bilder von vermeintlichem Wohlstand und ziehen daraus falsche Schlüsse über Normalität. Hinzu kommt Peer Pressure, also der Einfluss Gleichaltriger, wie Christian Fichter anfügt: «Wer dazugehören will, spürt schnell den Druck, sich ähnlich zu präsentieren.»
Des Weiteren kann gemäss dem Experten mangelnde finanzielle Bildung die Entstehung von Gelddysmorphie begünstigen: «Wer nie gelernt hat, wie man ein Budget führt oder Preise realistisch einschätzt, ist anfälliger für Fehleinschätzungen.»
Prägend für die Wahrnehmung und den Umgang mit Geld sind auch das Verhalten und die Haltung der Eltern: «Familien prägen die emotionale Bedeutung von Geld sehr stark», betont Christian Fichter. «Wenn Geld ein Tabuthema ist oder mit Scham belegt wird, übernehmen Kinder oft unbewusst diese Muster.» Werde hingegen offen und sachlich über Finanzen gesprochen, lernen Kinder, Geld als normales Gestaltungsmittel zu begreifen.
Wie viel Geld eine Familie tatsächlich besitzt, sei dabei nebensächlich – vielmehr ist entscheidend, wie über das Thema gesprochen werde: «Eltern, die überlegt konsumieren und Prioritäten erklären, vermitteln ihren Kindern mehr finanzielle Gelassenheit als Eltern, die Geld als Belohnungs- oder Machtinstrument einsetzen», bringt es der Experte auf den Punkt.
«Familien prägen die emotionale Bedeutung von Geld sehr stark.»
Christian Fichter, Wirtschaftspsychologe
Manche Menschen sind stärker gefährdet als andere, Gelddysmorphie zu entwickeln. «Am häufigsten begegnet man diesem Phänomen bei jungen Erwachsenen, die stark online vernetzt sind und sich regelmässig mit anderen vergleichen», so der Experte. Denn: «In dieser Lebensphase spielt soziale Positionierung eine grosse Rolle. Geld wird dabei oft als Ausdruck von Erfolg und Selbstwert gesehen.» Hinzu komme, dass Jugendliche häufig überschätzen, wie viel andere besitzen oder ausgeben und die eigene Lage im Vergleich als unzureichend empfinden.
Aber auch Menschen mit mittlerem Einkommen, die sich gesellschaftlich unter Druck fühlen, «mithalten» zu müssen, zeigen laut dem Wirtschaftspsychologen ähnliche Muster. «Es betrifft also weniger eine bestimmte Einkommensgruppe als vielmehr Menschen, die stark auf soziale Vergleiche reagieren», fasst Christian Fichter zusammen.
Ist der eigene Nachwuchs von Gelddysmorphie betroffen? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht – denn die verzerrte Wahrnehmung von Geld kann sich auf viele Arten zeigen. «Manche unterschätzen ihren Wohlstand und leben in ständiger Sorge, zu wenig zu haben. Sie reagieren mit übertriebener Sparsamkeit oder Geldangst. Andere wiederum überschätzen sich und versuchen, nach aussen ein bestimmtes Bild aufrechtzuerhalten. Die Reaktion darauf ist übermässiger Konsum», erklärt Christian Fichter.
Eine Gemeinsamkeit lasse sich laut dem Experten trotzdem festmachen: «Typisch bei Gelddysmorphie ist, dass die eigene finanzielle Realität nicht nüchtern eingeschätzt wird, sondern emotional überfärbt ist – durch Scham, Neid, Stolz oder Selbstzweifel.» Das führe oft dazu, dass Geld seine eigentliche Funktion – Mittel zum Zweck – verliert und zum Symbol für Selbstwert wird.
«Typisch bei Gelddysmorphie ist, dass die eigene finanzielle Realität nicht nüchtern eingeschätzt wird, sondern emotional überfärbt ist – durch Scham, Neid, Stolz oder Selbstzweifel.»
Christian Fichter, Wirtschaftspsychologe
Gelddysmorphie darf nicht mit Geldsorgen verwechselt werden, für die es nachvollziehbare, objektive Gründe gibt. Auch Menschen mit einem guten Gehalt können mit Schulden oder mit Betreibungen konfrontiert sein. Solche Situationen sind nachvollziehbar und erfordern umsichtiges Handeln.
Bei Gelddysmorphie gibt es hingegen keinen objektiven Grund für die Sorgen. Für die Betroffenen sind die Geldsorgen zwar emotional real, das Problem liegt aber in der verzerrten Wahrnehmung der eigenen finanziellen Lage.
Das frühe Sprechen über Geld sei daher auch ein Mittel, um Gelddysmorphie vorzubeugen. «Eltern sollten Geld früh und offen thematisieren – ohne Druck, Scham oder Idealisierung», rät Christian Fichter. «Kinder profitieren, wenn sie schon früh ein eigenes, begrenztes Budget verwalten dürfen und erleben, dass Entscheidungen Konsequenzen haben.»
Dabei sei es genauso wichtig, über Werte zu sprechen. «Was ist mir wirklich wichtig? Wofür lohnt es sich Geld auszugeben?», nennt der Experte zwei Beispielfragen zur Reflexion. So lernen Jugendliche, dass Geld ein Werkzeug ist – nützlich, aber nicht identitätsstiftend. «Eine gesunde Einstellung zu Geld entsteht nämlich dann, wenn materielle Zufriedenheit nicht als Massstab für den eigenen Wert verstanden wird», schliesst der Experte.
Christian Fichter ist Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos Fachhochschule sowie Vorstandsmitglied bei der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP.
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