Emilia und Debora, zwei Arbeitskolleginnen, gehen nach Feierabend noch kurz im Café neben ihrem Büro etwas trinken und lassen den Arbeitstag ausklingen. Als die Rechnung kommt, zahlen sie getrennt. Emilia rundet ihren Betrag auf und legt für die Kellnerin noch ein kleines Trinkgeld dazu. Debora legt hingegen genau den Betrag hin, der auf ihrer Rechnung steht.
Emilia kann das nicht nachvollziehen: «Für mich gehört ein Trinkgeld am Ende einfach dazu, wenn der Service gepasst hat», meint sie, während sie ihre Tasche schultert. Debora schüttelt den Kopf: «Ich sehe das anders. Der Service ist doch ohnehin schon im Preis drin. Alles darüber ist für mich freiwillig und eine persönliche Entscheidung.» Wer hat nun recht?
Sowohl Emilia als auch Debora haben in diesem fiktiven Fallbeispiel recht. Denn Trinkgeld zu geben ist in der Schweiz nicht Pflicht. «Seit 1974 gilt ‹Service inbegriffen›», heisst es auf Anfrage bei GastroSuisse, dem Arbeitgeberverband des Gastgewerbes in der Schweiz. Denn in diesem Jahr trat der Landes-Gesamtarbeitsvertrag (L-GAV) für das Gastgewerbe in Kraft, mit dem die Lohn- und Preisstruktur in der Branche erstmals schweizweit geregelt wurde.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Coiffeurbranche: Dort ist das Trinkgeld seit 1980 im Preis inbegriffen. «Ziel dieser Regelung war es, faire Löhne zu gewährleisten und Trinkgeld nicht länger als Bestandteil des Einkommens zu betrachten», hält Coiffure Suisse, der Verband Schweizer Coiffeurgeschäfte, gegenüber jugendbudget.ch fest.
«Trinkgeld ist ein Zeichen der Wertschätzung für guten Service und somit ein Geschenk des zufriedenen Gastes an die Mitarbeitenden», so GastroSuisse weiter. Diese persönliche Wertschätzung und Anerkennung für gute Leistung dürfe vom Gast speziell gewürdigt werden. Ähnlich äussert sich auch Coiffure Suisse: «Trinkgeld ist freiwillig und ein Ausdruck persönlicher Wertschätzung für eine Dienstleistung, mit der man besonders zufrieden war. Entsprechend gibt es aus unserer Sicht auch keinen allgemein verbindlichen Betrag.»
«Trinkgeld ist freiwillig und ein Ausdruck persönlicher Wertschätzung für eine Dienstleistung, mit der man besonders zufrieden war.»
Coiffure Suisse, Verband Schweizer Coiffeurgeschäfte
Ebenso ist es auch in der Hotellerie: «Einen festen Prozentsatz oder offizielle Richtwerte gibt es in der Schweiz nicht. Die Höhe eines allfälligen Trinkgelds liegt somit im persönlichen Ermessen der Gäste», heisst es bei Hotelleriesuisse, dem Verband der Schweizer Beherbergungsbranche.
Debora muss also kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie der Kellnerin kein Trinkgeld gibt. Handkehrum ist es Emilias gutes Recht, Trinkgeld zu geben, wenn ihr der Service besonders gut gefallen hat – wie viel, ist ihr selbst überlassen.
Trinkgeld ist in der Schweiz vor allem in bestimmten Alltagssituationen weit verbreitet, beispielsweise wie bereits erwähnt in der Gastronomie sowie im Coiffeursalon oder in den Ferien im Hotel. Sprich: in Situationen, wo eine persönliche Betreuung oder eine besondere Dienstleistung im Vordergrund steht. Dazu gehören etwa wie in unserem Fallbeispiel der Restaurant- oder Cafébesuch, der Haarschnitt beim Coiffeur oder Serviceleistungen im Hotel.
Da Trinkgeld in der Schweiz heute nirgends verpflichtend ist, gibt es auch keine klaren Regeln dafür, wann und in welcher Höhe es gegeben wird. Es bleibt stets freiwillig und richtet sich nach dem eigenen Empfinden und Ermessen.
GastroSuisse, CoiffureSuisse und HotellerieSuisse betonen, dass Trinkgeld freiwillig ist und geben keine konkreten Betrags- oder Prozentempfehlungen ab.
Eine Studie der ZHAW zeigt demgegenüber, wie viel Trinkgeld in der Schweiz tatsächlich bezahlt wird. Für die Untersuchung wurden im April 2025 1’000 Personen im Alter zwischen 18 und 81 Jahren aus allen Sprachregionen der Schweiz zum Thema Trinkgeld in bedienten Restaurants befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass dort die Mehrheit der Befragten zwischen 5 und 10 Prozent des Rechnungsbetrags als Trinkgeld gibt.
Dabei bestehen übrigens regionale Unterschiede: In der Deutschschweiz werden eher rund 10 Prozent genannt, während in der Romandie und der italienischsprachigen Schweiz eher etwa 5 Prozent üblich sind.
Wichtig zu wissen: Was in der Schweiz üblich ist, lässt sich nicht automatisch auf andere Länder übertragen. Beim Trinkgeld gibt es international grosse Unterschiede: In manchen Ländern ist das Konzept kaum bekannt, in anderen sind die Angestellten darauf angewiesen und in wieder anderen kann es sogar als unhöflich oder beleidigend wahrgenommen werden.
Wer ins Ausland reist, sollte sich deshalb im Voraus informieren und das Ferienbudget entsprechend planen. Eine Übersicht zu den Trinkgeldgepflogenheiten weltweit hilft dabei, sich im jeweiligen Reiseland richtig zu orientieren und zu verhalten.
Trinkgeld kann heutzutage auf unterschiedliche Weise gegeben werden – klassisch in bar in Form von Münzen und Banknoten oder zunehmend auch digital. Beide Varianten haben ihre eigenen Vor- und Nachteile.
Die Barzahlung gilt als traditionelle Form des Trinkgelds. Sie ist sehr direkt, da der Betrag unmittelbar bei der Person ankommt, die ihn erhält. Viele empfinden diese Form zudem als besonders persönlich und wertschätzend. Allerdings setzt sie voraus, dass Bargeld zur Hand ist und ein passender Betrag verfügbar ist. Das ist heute zunehmend weniger selbstverständlich ist, denn bargeldlose Zahlungen sind im Schweizer Alltag immer stärker verbreitet.
Die digitale Variante ist dagegen vor allem bequem und modern: So kann Trinkgeld auch direkt über das Zahlungsterminal hinzugefügt werden, ohne dass Bargeld vonnöten ist. Meistens stehen dabei klare Optionen wie Prozentsätze zur Auswahl. Dafür wirkt diese Form etwas weniger individuell, da die Auswahl meist vorgegeben ist und weniger flexibel gestaltet werden kann.
Die nachfolgende Tabelle fasst die jeweiligen Vor- und Nachteile nochmals übersichtlich zusammen:
| Form von Trinkgeld | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Bar | direkt, persönlich, sofort sichtbar | Bargeld nötig, passender Betrag erforderlich |
| Digital | bequem, kein Bargeld nötig, klare Auswahl | weniger persönlich, eingeschränkte Flexibilität |
Feste Regeln oder verbindliche Vorgaben gibt es in der Schweiz in Sachen Trinkgeld nicht. Besonders wenn sich der Nachwuchs zum ersten Mal selbst mit den verschiedenen Ausgabenposten auseinandersetzt und ein Bewusstsein dafür entwickelt, ist es wichtig, dass Eltern folgendes vermitteln: Trinkgeld ist keine Pflicht, sondern stets eine freiwillige Geste der Wertschätzung. Es sollte dabei stets ins eigene Budget passen und die finanziellen Möglichkeiten nicht übersteigen.
Fehlt dem Nachwuchs eine Übersicht darüber, wohin das eigene Geld fliesst, empfiehlt es sich, ein Budget zu erstellen. Im folgenden Artikel gibt es Informationen rund um die Erstellung eines Budgets sowie eine kostenlose Vorlage als PDF.
Im Ausland gelten andere Regeln beim Trinkgeld als in der Schweiz. Diese Zusammenfassung bietet einen umfassenden Überblick über die Gepflogenheiten in mehreren Dutzend Ländern rund um den Globus – damit man für die nächste Reise gut vorbereitet ist.
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