Reportage: Eine Familie zwischen Optimismus und finanziellen Einschränkungen
Miriam Bosch 9 Minuten

Iliana Tsakiris ist seit drei Jahren alleinerziehend. Ihre Tochter Kyra besucht die zweite Kindergartenklasse. Das Geld ist immer knapp – doch Mutter und Tochter haben gelernt, mit dem kleinen Einkommen auszukommen.

Ihr Brot verdient Iliana Tsakiris mit verschiedenen Jobs: Sie ist einerseits selbständige Yogalehrerin und Meditationscoach, andererseits ist sie bei verschiedenen Arbeitgebern im Stundenlohn angestellt. Alles in allem beläuft sich ihr Arbeitspensum auf 60 Prozent – mehr liegt nicht drin, da sie an chronischen Cluster-Kopfschmerzen leidet und nicht mehr als fünf Stunden am Stück arbeiten darf. «Mein Anspruch auf eine IV-Rente wird derzeit abgeklärt», so die 37-Jährige. Doch das kann dauern. Momentan muss das Mutter-Tochter-Gespann mit 3000 bis 4000 Franken pro Monat auskommen – Alimente und Kindergeld inbegriffen. «In den Schulferien verdiene ich viel weniger», sagt Iliana Tsakiris. Viele Kurse finden dann nicht statt. So oder so bleibt von ihrem Einkommen am Ende des Monats kaum je etwas übrig. «Alles, was reinkommt, geht auch wieder raus», seufzt die gelernte Fachfrau Gesundheit. Allein schon die Miete ihrer Genossenschaftswohnung beträgt mittlerweile 1500 Franken. «Dazu kommen Versicherungen und etwa 10’000 Franken Schulden, die ich noch tilgen muss. Sparen ist ein Ding der Unmöglichkeit.»

Existenzangst gehört zum Alltag

Grosse Ausgaben wie Ferien liegen in der Regel nicht drin. «Wenn ich nicht arbeite, kommt auch kein Geld rein», so die Halbgriechin. Deshalb rafft sie sich selbst dann zur Arbeit auf, wenn ihr Kopf vor Schmerzen zu platzen droht. Bei den Rechnungen stelle sich immer die Frage nach der Dringlichkeit. «Was muss zuerst bezahlt werden, was als nächstes?» Ihre grösste Angst ist, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Zum Beispiel ein Schaden am Auto. «Solche Rechnungen reissen mir jeweils den Boden unter Füssen weg. Aber ich brauche das Auto für meine Jobs», erklärt Iliana Tsakiris fast entschuldigend. Ihr sicherster Arbeitgeber ist 70 Kilometer entfernt. «Auf diese Arbeit kann ich nicht verzichten.» So leben die beiden von Tag zu Tag. «Jede bezahlte Rechnung ist ein Highlight.»

Auf ihr Auto kann Familie Tsakiris nicht verzichten.

Ihre Tochter spürt, was jeweils möglich ist und was nicht. «Wenn ich mehr zu Hause bin, weiss sie, dass ich weniger arbeiten kann – und dass es diesen Monat finanziell knapp werden wird», erzählt Iliana Tsakiris. Kyra hüte sich dann davor, Wünsche zu äussern, weil sie sie nicht belasten wolle. Sie schaut ihre Tochter liebevoll an. Kyra kuschelt sich an ihre Mutter.

Mit Kreativität zum Ziel

Doch die Kindergärtlerin hat nicht nur Dankbarkeit gelernt für alles, was sie sich als Familie leisten können, sondern auch einen sorgfältigen Umgang mit ihren Besitztümern – und Kreativität. Denn wie jedes andere Kind hat natürlich auch Kyra Wünsche. Einen grossen Wunsch hatte sie vor knapp zwei Jahren: der Pfadi beizutreten. «Doch die Jahresgebühr beträgt 50 Franken. Kyra weiss, dass ich das nicht zahlen kann», erzählt ihre Mutter. Taschengeld bekommt Kyra nicht. «Ich hatte aber eine Idee», erzählt das Mädchen. «Ein Flohmarkt.» Wie die Sechsjährige ausführt, habe sie in der Nachbarschaft Zettel aufgehängt mit der Notiz, dass sich jeder aus der Kiste auf ihrer Terrasse bedienen und dafür geben könne, was er wolle. Sie sei dann jeden Abend ganz aufgeregt nach draussen gegangen und habe nachgeschaut, wie viel Geld für die Bücher, das Springseil und die Plastikfiguren zusammengekommen sei, erinnert sich ihre Mutter. Am Ende waren es ganze 200 Franken – denn viele haben auch einfach gespendet. «Die 50 Franken für die Pfadi habe ich dann bei der Post einbezahlt», erinnert sich Kyra, und ihre Mutter ergänzt: «Sie hat die Quittung voller Stolz ihrem Pfadileiter geschenkt.» 25 Franken hat das Mädchen ausserdem für ein Pfadi-T-Shirt ausgegeben. Der Rest ist im Kässeli gelandet.

Selbst verdient: Kyra mit ihrem Pfadi-Shirt (li.). Sie war erst viereinhalb, als sie die Idee mit dem Flohmarkt hatte.

Kyra ist ein nachdenkliches, aber auch ein gewitztes Kind. Das finanzielle Bewusstsein hat das Mädchen quasi mit der Muttermilch aufgesogen. «Wenn wir einkaufen, weiss meine Tochter, dass nicht alles in den Einkaufswagen kommt», erzählt Iliana Tsakiris. Zuerst werde das Nötigste eingepackt. «Und dann schauen wir, wie viel Geld noch übrig ist, um Vorräte zu kaufen.» Dank Handscanner wissen die beiden genau, ob noch etwas drin liegt oder nicht. Dankbar sind sie für die Aktionen, Rabattbons und Sammelpässe einiger Supermärkte. «So können wir uns manchmal sogar etwas Spezielles wie eine Fertiglasagne leisten. Für viele ist das vielleicht alltäglich, für uns aber immer etwas Besonderes.» Grundsätzlich aber bleiben Convenience-Produkte die Ausnahme – vor allem frisches Essen ist Iliana Tsakiris wichtig, auch weil ihre Tochter an Neurodermitis und sie selbst an Histaminintoleranz leidet. Inzwischen weiss sogar Kyra: Wenn man geschickt einkauft, kann man gut leben. 

Dank Handscanner wissen Mutter und Tochter genau, ob noch etwas drin liegt oder nicht.

Überhaupt ist die Sechsjährige sehr praktisch veranlagt. «Wenn sie Geburtstag hat, möchte sie keine zusätzlichen Barbies, denn das wäre in ihren Augen Überfluss», erzählt ihre Mutter. Lieber wünsche sie sich dann Kleidung für die bereits vorhandenen Puppen. Oder neue Kleidung für sich selbst – etwas, das es sonst nur in Ausnahmefällen gibt. «In der Regel kaufen wir Second-Hand-Kleidung», sagt Iliana Tsakiris. Und sie verkaufen die zu klein gewordene Kleidung auch wieder. «Dann darf Kyra das Geld in ihr Kässeli tun.»

27.50 Franken befinden sich momentan in Kyras Kässeli. «Wenn sie Geburtstag hat, möchte sie keine zusätzlichen Barbies, denn das wäre in ihren Augen Überfluss», erzählt ihre Mutter.

Apropos Kässeli: Kyra hat auch ein Sparkonto. Rund 15’000 Franken liegen darauf – Geld, das grösstenteils von ihrem Grossvater stammt, der in Griechenland lebt. «Aber ich habe das Konto schon einmal geplündert», gesteht ihre Mutter. Es sei einfach nicht anders gegangen. «Aber ich zahle es natürlich zurück.» Ohne die Grosszügigkeit von Iliana Tsakiris’ Vater wäre das Leben der beiden weniger bunt. Er bezahlt seiner Enkelin auch den geliebten Schwimmunterricht und ab und an mal einen Ferienkurs. «Kyra liebt alles, was mit der Natur zu tun hat.» Auch seiner Tochter greift er immer wieder finanziell unter die Arme. «Aber ich scheue mich, ihn um Hilfe zu bitten», sagt Iliana Tsakiris und senkt den Blick.

Familienurlaub trotz Budgetbeschränkungen

Auch die letzten Ferien in Griechenland hat Iliana Tsakiris’ Vater grösstenteils finanziert. «Er hat uns die Flugtickets geschenkt und eine Unterkunft bei Bekannten organisiert.» So konnte die Alleinerziehende ihrer Tochter die Heimat und das Meer zeigen. Das ist jetzt zwei Jahre her. «Mein grösster Traum ist es, nochmals gemeinsam Ferien zu machen.» Für Kyra spielen Ferien keine so grosse Rolle: Für sie ist es am schönsten, Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen – egal wo. Sie liebt Ausflüge, aber die liegen trotz Kulturlegi – «dieses Ding ist ein Segen!» – nur selten drin. «Es ist ja nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein zeitlicher und organisatorischer Aufwand», findet Iliana Tsakiris. Kürzlich waren sie gemeinsam im Naturmuseum Winterthur. In Keralas Kindermuseum hat die Kindergärtlerin einen Biber gebastelt – Namensgeber ihrer Pfadigruppe. Ob der Biber bei den Sachen landet, die Kyra momentan beiseitelegt? Eher nicht. Sie veranstaltet diesmal keinen Flohmarkt, um Geld für sich zu sammeln, sondern möchte die Spielsachen einem Kinderheim spenden. Denn die Sechsjährige weiss: Dort leben Kinder, die sich noch weniger leisten können als sie.