Eine Familie mit Vater, Mutter und zwei Söhnen im Schulalter sitzt auf dem Sofa

Reportage: eine Familie steht vor der Einführung des Jugendlohns

Lars Gabriel Meier 9 Minuten

Mehr Verantwortung für das eigene Geld: Nach den Sommerferien kommt Gian Moser in die siebte Klasse und erhält zum neuen Schuljahr Jugendlohn statt Sackgeld – auf eigenen Wunsch, nachdem er das Modell bei Kollegen kennengelernt hat. Für die Eltern stellte sich damit eine Reihe von Fragen: Wie viel Jugendlohn pro Monat soll es sein und was muss der Nachwuchs künftig damit selbst bezahlen? Welche Antworten die Familie für sich darauf gefunden hat, erzählt sie hier.

«Kollegen von mir bekommen Jugendlohn», erzählt Gian, der aktuell noch sechs Franken Sackgeld pro Woche erhält. «Das habe ich zu Hause meinen Eltern erzählt und gesagt, dass ich das auch möchte.»

Die Motivation für den Jugendlohn rührte vor allem von der grösseren Entscheidungsfreiheit, wie er sie bereits bei seinen Kollegen erlebt hat: «Ich finde es cool, wenn man selbst einkaufen und sich auch etwas leisten kann, wenn man draussen unterwegs ist», sagt der 12-Jährige. «Ihm gefiel generell die Vorstellung, sich Dinge kaufen zu können, ohne dass wir ihm dabei dreinreden», fügen seine Eltern Andrea und Fabian schmunzelnd hinzu.

Nachdem Gian (rechts) im Freundeskreis vom Jugendlohn gehört hatte, brachte er das Modell zu Hause ins Gespräch – mit Erfolg: Nach den Sommerferien wird auch er Jugendlohn erhalten.

Vom Sackgeld zum Jugendlohn

Für die Eltern war das Thema Jugendlohn zunächst Neuland. «Ich kannte das Modell vorher nicht», erinnert sich Fabian, der als Planer in einer Zimmerei arbeitet. Andrea, Direktionsassistentin in einem Unternehmen der Lebensmittelindustrie, hatte zwar bereits vom Jugendlohn gehört, sich damit aber nie konkret beschäftigt. Als sie ihrem Sohn zuhörte, war ihr Eindruck positiv: «Ich fand, es sei eine gute Sache.» Von sich aus hätten die Eltern die Einführung des Jugendlohns nicht auf dem Schirm gehabt, liessen sich dann aber überzeugen: «Der Wunsch für die Umstellung kam wirklich von Gian aus.»

Der Zeitpunkt für die Umstellung bietet sich nun an: Nach den Sommerferien kommt Gian in die siebte Klasse und erhält damit auf das neue Schuljahr erstmals Jugendlohn statt Sackgeld. «Ich freue mich darauf», sagt Gian und lacht. Und auch für die Eltern bleibt es spannend: «Ich bin gespannt, wie Gian mit dem Jugendlohn umgehen und ihn handhaben wird», so Fabian.

Wie schon beim Sackgeld wird Gian auch den Jugendlohn direkt auf sein Jugendkonto überwiesen bekommen.

Wieviel Jugendlohn pro Monat soll es sein?

«Wir haben eine Aufstellung gemacht, was Gian alles selbst bezahlen müsste und was das etwa kostet», berichtet Andrea. «Dabei sind wir auf rund 150 Franken pro Monat gekommen.» Die Eltern müssen sich das aber noch einmal überlegen: «Für mich ist das die obere Grenze – mehr möchte ich nicht ausgeben», hält die Mutter fest. Für Gian ist das in Ordnung: «Ich denke, die Summe sollte reichen.»

Eine schriftliche Vereinbarung haben Mosers noch nicht ausgearbeitet. Die Eltern können sich aber gut vorstellen, eine solche noch aufzusetzen: «Ein Vertrag für den Jugendlohn ist sicher sinnvoll – schon nur, um Missverständnissen vorzubeugen und damit nichts vergessen geht», findet Andrea.

Jugendlohn per Überweisung

Die Auszahlung des Jugendlohns werden die Eltern – wie bisher beim Sackgeld – digital handhaben. «Wir überweisen ihm das Geld auf sein Jugendkonto, das mit Twint verknüpft ist und worauf er zugreifen kann.» Zwar habe Gian auch eine Bankkarte, diese nutze er aber kaum: «Ich habe ja immer das Handy dabei und bezahle dann damit.»

Was mit dem Jugendlohn bezahlt wird

Mit dem Jugendlohn muss Gian künftig seine Kleidung und Schuhe selbst bezahlen, ebenso sein Handy-Abo sowie Ausflüge wie in die Badi, kleinere Einkäufe im Laden und den Coiffeur. Insbesondere der letzte Punkt habe noch zu Diskussionen geführt: «Gian wollte alle drei Wochen zum Coiffeur», erzählt Andrea. «Da habe ich gesagt, dass er doch auch vier Wochen warten könne. Ich fand es einfach nicht nötig, dass er so oft zum Coiffeur geht.»

Ihr Sohn sieht das anders: «Ich möchte, dass meine Haare immer gut aussehen. Aber bald kann ich dann so oft zum Coiffeur gehen, wie ich will», so der 12-Jährige und grinst. Die Eltern tauschen einen vielsagenden Blick aus. «Es ist sein Geld», sagt Fabian. «Er soll selbst entscheiden, wofür er es ausgibt und auch die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen.» «Und wenn es dann nicht aufgeht, bleiben wir konsequent und gleichen das nicht einfach aus. Das ist für uns klar», fügt Andrea an.

Mit dem Jugendlohn übernimmt Gian künftig unter anderem die Kosten für seine Kleidung selbst.

Logo oder Leistung?

Auch bei Markenprodukten komme es gelegentlich zu Diskussionen. «Ich kaufe zwar nicht viele Markenprodukte», betont Gian. «Aber ich finde schon, dass Markensachen besser aussehen als normale.» Die Eltern suchen dann jeweils das Gespräch. Der Vater nennt ein Beispiel: «Ich frage ihn dann zum Beispiel: Ist es sinnvoll, für einen Schuh das Doppelte zu bezahlen, nur weil ein Markenlogo darauf ist? Darin gehen kann man ja genauso.»

Gian geht grundsätzlich sparsam mit seinem Geld um. Im Zuge dessen hat er inzwischen auch gelernt, auf Aktionen und Rabatte zu achten. «Wir haben zwei Boxen mit Panini-Bildern gekauft», erzählt der 12-Jährige. Eigentlich sei nur eine vorgesehen gewesen, aber: «Mir ist aufgefallen, dass es gerade der letzte Tag war, an dem die Panini-Box noch mit Rabatt erhältlich war. Darum haben wir gleich zwei gekauft.»

Kostenpunkt pro Box: 90 Franken. «Die Kosten für die erste Box haben Maurin und ich geteilt», berichtet Gian. Bei der zweiten zahlten die Mutter und die beiden Brüder je 30 Franken. «Ich finde das Sammeln der Bilder noch witzig, darum habe ich mich beteiligt», fügt Andrea schmunzelnd an. In den Augen von ihrem älteren Sohn ist das Geld auf diese Weise gut investiert: «Es sind ja auch Erinnerungen für später, die man wieder hervornehmen und anschauen kann.»

Als Fussballfans ist das Sammeln von Panini-Bildern für die beiden Brüder ein Muss. Die Kosten für die erste Box haben sie sich geteilt, bei der zweiten hat sich zusätzlich die Mutter beteiligt.

Sackgeld für den Jüngeren

Gians jüngerer Bruder Maurin erhält aktuell pro Schuljahr ebenfalls einen Franken pro Woche – für den Drittklässler entsprechend drei Franken. «Er erhält das Sackgeld noch in bar», sagt Fabian. «Immer am Mittwoch!», ergänzt Maurin. Statt in einem Kässeli bewahrt er sein Geld in einer Kasse auf. «Er kennt Kassen dieser Art von Besuchen auf dem Markt», erklärt Andrea.

Grosse Wünsche, auf die der Neunjährige konkret hin sparen würde, hat der Drittklässler nicht. «Er ist vielmehr ein Kind, das gerne sammelt», sagt die Mutter. «Eben wie Panini-Bilder – und wenn etwas Neues herauskommt, möchte er es gerne haben.» Sie glaubt, dass Geld für ihren jüngeren Sohn aktuell noch einen geringeren Stellenwert hat. «Unsere Söhne bekommen auch immer wieder Geldgeschenke von Verwandten», erklärt sie. «Bisher mussten sie darum nie wirklich auf etwas Grösseres sparen.» Wenn eine grössere Anschaffung wie die Panini-Box ansteht, sei diese rasch mit Geld aus Geldgeschenken bezahlt.

Figuren, Stifte, Pokémon- oder Panini-Karten: Maurin sammelt gerne. Grössere Wünsche, auf die er hin spart, hat er noch keine.

Planen statt nur ausgeben

Einen festen Zeitpunkt für ein Fazit nach der Einführung des Jugendlohns bei Gian hat die Familie nicht festgelegt. «Wir werden jetzt einmal damit starten und dann schauen, wie es läuft», hält Andrea fest. Ihr sei es ein Anliegen, dass ihr Sohn planen könne und kommende Kosten im Blick behalte. «Wir haben mit Gian gemeinsam besprochen, dass er auch die Rechnung für die Jahresgebühr für den Fussballclub selbst bezahlen soll. Wenn dann Ende Jahr diese Rechnung kommt, muss er genug Geld auf der Seite haben, um sie begleichen zu können.»

Generell ist es den Eltern wichtig, ihren Söhnen nahe zu bringen, dass Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht stehen müssen: «Ich finde es wichtig zu vermitteln, dass Geld immer an eine Leistung gebunden ist, die es einem überhaupt erst ermöglicht, es auszugeben», hält Fabian fest. In den Augen der Eltern führe der Jugendlohn in genau diese Richtung – nämlich, dass man etwas leisten müsse und dafür auch etwas erhalte.

Nichtsdestotrotz ist noch offen, ob Gian im Gegenzug zum Jugendlohn eine konkrete Leistung erbringen muss: «Wer weiss, vielleicht müssen wir den Jugendlohn doch noch an Hausarbeiten knüpfen», überlegt Andrea laut. «Aber wir haben ja jetzt noch eine Weile Zeit, um uns das zu überlegen.»