«Meine Tage sind durchstrukturiert.» Claudia Wyss lacht. Unter der Woche klingelt ihr Wecker jeden Tag zwischen 05:15 und 05:45 Uhr. Danach fährt sie ihren Sohn Noah von ihrem Wohnort im Kanton Thurgau zur Sportschule am Bodensee – eine Fahrt von jeweils rund 45 Minuten. «Anschliessend fahre ich weiter zu meinem Arbeitsplatz ganz in der Nähe», erzählt die 44-Jährige, die 80 Prozent im Customer Service tätig ist. Ihr Pensum verteilt sie auf fünf Tage.
Noah absolviert total sieben Trainings pro Woche – während der Saison von August bis März auf dem Eis, in der übrigen Zeit stehen Trockentrainings in der Halle auf dem Programm. Die vier Morgentrainings finden an der Sportschule selbst statt, die drei Nachmittagstrainings beim Verein in Winterthur.
«Dass ich Noah fahre, hat vor allem organisatorische Gründe», erklärt Claudia. «Mit dem ÖV ist es bislang zeitlich schlicht nicht aufgegangen – weder am Morgen, wenn er früh zur Schule muss und es noch kaum Verbindungen gibt, noch am Nachmittag, um nach der Schule rechtzeitig zum Training beim Verein zu sein. Selbst mit dem Auto ist letzteres ziemlich sportlich.»

Claudia Wyss und ihr Sohn Noah sind ein eingespieltes Team.
Findet am Nachmittag ein Training in Winterthur statt, holt Claudia ihren Sohn nach Schulschluss ab und bringt ihn anschliessend dorthin – erneut eine Fahrt von rund einer Dreiviertelstunde. Während er trainiert, erledigt sie Einkäufe oder geht schwimmen. «Nach dem Training hole ich ihn wieder ab und wir fahren nach Hause.» Dort warten dann noch Kochen, Wäsche und Essen. «Und am nächsten Tag geht alles wieder von vorne los.»
Seit Noah in der U16 spielt, haben sich seine Trainingszeiten verändert. Dadurch kann er nun häufiger selbstständig mit dem ÖV anreisen, weshalb Claudia ihrem Sohn jetzt ein Monatsabo gekauft hat.
«Ich habe mich bewusst vorerst gegen ein Jahres-GA entschieden», hält die 44-Jährige fest. «Ich möchte zuerst schauen, wie es kostentechnisch aufgeht. Denn wenn ich Noah trotz ÖV am Ende doch wieder häufig mit dem Auto fahre, würde sich ein Jahresabo womöglich gar nicht lohnen.»
Noahs Hobby geht ins Geld – ein zentraler Kostenpunkt betrifft dabei die Eishockeyausrüstung. Pro Jahr benötigt er im Schnitt vier Schläger, die jeweils rund 200 Franken kosten. «Die Schläger sind sehr leicht gebaut, deshalb kann es in einem Zweikampf schon mal passieren, dass einer kaputtgeht. Dann brauche ich jeweils neue», erklärt Noah.
Bei den Schlittschuhen – Kostenpunkt: etwas über 1000 Franken – stellt vor allem Noahs Wachstum eine Herausforderung dar. «Ich hoffe jeweils, dass sie wenigstens zwei Jahre passen», meint Claudia lachend. «Ich kaufe die Schlittschuhe jeweils extra eine Nummer zu gross – und gefühlt nur wenig später sind sie meinem Sohn schon wieder zu klein.»
«Ich kaufe die Schlittschuhe jeweils extra eine Nummer zu gross – und gefühlt nur wenig später sind sie meinem Sohn schon wieder zu klein.»
Claudia Wyss
Die übrigen Ausrüstungsteile – etwa Brustpanzer, Knie- und Ellbogenschoner oder der Halsschutz – kosten jeweils bis zu 200 Franken. «Alles in allem kostet die Eishockeyausrüstung mindestens 2000 Franken», rechnet Claudia vor. Manche Teile würden mehrere Monate halten, andere müssten häufiger ersetzt werden. «Vergangenes Jahr musste ich allerdings praktisch alles neu kaufen.»

Die Kosten für das Hobby ihres Sohnes schlagen im Haushaltsbudget von Claudia Wyss zu Buche.
«Alles in allem kostet die Eishockeyausrüstung mindestens 2000 Franken.»
Claudia Wyss
Noahs Schulkosten belaufen sich auf rund 26’500 Franken pro Jahr und werden von der Wohngemeinde übernommen. Claudia bezahlt jährlich 8300 Franken aus dem eigenen Sack. «Dieser Betrag setzt sich aus 4500 Franken für die Morgentrainings an der Sportschule sowie einem Elternbeitrag von 3800 Franken zusammen», erläutert sie.
Hinzu kommen 750 Franken für die Clubmitgliedschaft beim EHC Winterthur pro Jahr sowie 350 Franken an Sponsorengeldern, die jedes Mitglied selbst auftreiben muss. «Wenn wir diese Summe nicht aufbringen, müssten wir sie selbst bezahlen», sagt Claudia. Als das Klingeln an den Haustüren in der Nachbarschaft nicht den gewünschten Erfolg brachte, kam Claudia auf eine andere Idee.
«Meine selbstgebackenen Kuchen kommen an meinem Arbeitsplatz immer gut an. Da kam ich auf die Idee, sie diesmal mit einem Hinweis auf meine Handynummer fürs Twinten zu versehen, um so Sponsorengelder zu sammeln», erzählt sie. Dieses Mal habe sie die Kuchen jedoch nicht alleine gebacken, sondern Noah eingebunden. «Schliesslich fand ich, es sei ja sein Sport und quasi auch sein Geld, das er auftreiben muss. Und das war eine Gelegenheit, aktiv beizutragen.»


Um Sponsorengelder aufzutreiben, haben Claudia und Noah Kuchen gebacken und diese an Claudias Arbeitsplatz gebracht, wo ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen per Twint spenden konnten.
«Ich empfand das gerecht», pflichtet Noah seiner Mutter bei. Das Duo hatte mit der Aktion Erfolg: «Alles in allem sind über 150 Franken zusammengekommen», berichtet er stolz. Die Differenz habe dann sein Götti übernommen.
Aufgrund seines teuren Hobbys hat Noah noch nie Sackgeld bekommen. Wegen ihres damals tieferen Arbeitspensums sei das einerseits finanziell schlicht nicht drin gelegen. «Andererseits fand ich es nicht sinnvoll, ihm Geld zu geben, das er für Dinge ausgibt, die er für den Sport nicht braucht», begründet Claudia.
Generell lasse sich das damit kaum vereinbaren: «Wenn Noah neue Schlittschuhe braucht, dann braucht er sie sofort», nennt sie ein Beispiel. «Andere Kinder würden sie sich zu Weihnachten wünschen. Aber ich kann seinem Trainer natürlich nicht sagen, dass Noah jetzt ein paar Monate pausiert, weil er die neuen Schlittschuhe erst dann bekommt.»
Nichtsdestotrotz hat Noah Wünsche, die Geld kosten. Er ist vielseitig interessiert: Neben dem Eishockey betreibt er auch Laufsport, fährt Velo, sprayt Graffiti oder geht gerne fischen.
«Es gibt immer wieder Situationen, in denen Noah etwas unbedingt haben will – wie kürzlich etwa einen Velocomputer», erinnert sich Claudia Wyss. «Solche Dinge zahle ich ihm dann jeweils nicht – einfach, weil er sie in meinen Augen nicht zwingend braucht.» Klar wäre es ihm in solchen Momenten lieber, wenn ihm seine Mutter den Wunsch erfüllen würde, schaltet sich Noah ein. Gleichzeitig sei er froh über die Einschränkungen: «So kann ich auch lernen, mit Geld umzugehen.»


Eishockey, Graffiti, Laufsport: Noah Wyss frönt mehreren Leidenschaften.
Da Noah kein Sackgeld erhält, wünscht er sich zu Weihnachten und zum Geburtstag konsequent Geld von der Verwandtschaft. Für diese ist das teilweise ungewohnt: «Meine Mutter findet, dass ein Geldgeschenk allein nicht genügt – in ihren Augen braucht ein Kind ein Päckchen als Geschenk. Ein Geldgeschenk ist für sie kein richtiges Geschenk», sagt Claudia schmunzelnd. Entsprechend kommt es vor, dass Noah vom Grosi dann teilweise zusätzlich auch ein Kleidungsstück geschenkt bekommt, etwa ein Shirt.
Das Geld, welches Noah jeweils geschenkt bekommt, verwaltet Claudia auf einem Jugendkonto – rund 3500 Franken liegen darauf. «Wenn er den Velocomputer dann wirklich so sehr will, müsste er ihn von diesem Geld bezahlen», sagt sie.
Aufgrund der hohen Ausgaben seines Hobbys möchte Claudia ihrem Sohn auch zeigen, wo sich im Alltag sparen lässt. «Geht Noah mit Kollegen an einen Eishockeymatch, twinte ich ihm jeweils fünf Franken auf sein Konto, über die er frei verfügen kann», erzählt sie. «Mittlerweile hat Noah auch das Bewusstsein dafür entwickelt, dass es ihm günstiger kommt, ein Getränk vorher im Laden zu kaufen anstatt es erst während des Matches zu holen.»
«Im Stadion sind die Preise für ein Getränk einfach viel höher als im Laden», sagt Noah. «Das habe ich mittlerweile gelernt.»

Geht Noah mit Kollegen an einen Eishockeymatch, erhält er von seiner Mutter jeweils einen kleinen Betrag für die Verpflegung. Der 14-Jährige weiss inzwischen, wo er günstiger wegkommt.
«Im Stadion sind die Preise für ein Getränk einfach viel höher als im Laden. Das habe ich mittlerweile gelernt.»
Noah, 14 Jahre
«Natürlich ist es viel Geld», bringt es Claudia abschliessend noch einmal auf den Punkt. Eine kurze Rechnung ergibt: Ungefähr 11’500 Franken kostet sie das Hobby ihres Sohnes pro Jahr mindestens. «Aber ich finde, ansonsten gibt man das Geld eben woanders aus. Andere gehen shoppen, in unserer Familie fliesst das Geld in das Hobby meines Sohnes.»
Ihr sei es vielmehr wichtig, Noah in seinem Wunsch zu unterstützen: «Ich möchte nicht eines Tages den Vorwurf hören, ich hätte ihm im Weg gestanden. Solange er es gerne und aus eigenem Antrieb macht, sind die Kosten für mich nebensächlich.»
Noahs Ziel ist es nach wie vor, sein Hobby zum Beruf machen zu können und damit Geld zu verdienen. «Es muss nicht unbedingt die höchste Liga sein. Auch in der zweithöchsten Liga kann man gut davon leben, wenn man erfolgreich spielt», meint Noah.
Falls es mit der Profikarriere nicht klappen sollte, hat der 14-Jährige bereits einen Plan B: «In St. Gallen gibt es eine Schule, die eine Mediamatik-Ausbildung für Sportler anbietet. Das würde mich interessieren. Dann könnte ich sowohl den Sport als auch die Kunst ausleben.»
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