«Weisst du, eigentlich war die Tasche fast geschenkt.» Zufrieden dreht Olivia die karamellbraune Ledertasche in den Händen, als sie ihrer Freundin Janine nach der Schule ihre neueste Errungenschaft zeigt. Über 300 Franken hat sie der Kauf zwar gekostet, aber: «Ich habe nachgerechnet: Wenn ich die Tasche nur lange genug trage, kostet sie irgendwann weniger als einen Franken pro Tag.» Janine, die neben ihr auf dem Bett liegt, muss lachen. «Du mit deinem ‹Girlmath›!»
Olivias Mutter Kathrin, welche die Szene bei der offenen Zimmertür mitbekommt, horcht auf. «Girlmath»? Was soll das denn sein?
So heiter die Szene in unserem fiktiven Fallbeispiel daherkommt: Der Begriff «Girlmath» steht auch in der Kritik, weil er Geschlechterstereotype über den Umgang mit Zahlen reproduzieren kann – etwa das überholte Klischee, Frauen könnten schlechter mit Geld umgehen als Männer. Und auch wenn unser fiktives Fallbeispiel eine Frau in den Mittelpunkt stellt, ist das damit beschriebene Phänomen nicht an ein Geschlecht gebunden.
Übrigens: Der Begriff «Boymath» wird in den sozialen Medien ebenfalls verwendet. Allerdings zielt dieser nicht primär auf den Umgang mit Geld ab, sondern nimmt auf humorvolle Weise widersprüchliche Aussagen oder Verhaltensweisen von Männern aufs Korn, die für sie selbst aber völlig einleuchten. Ein Beispiel: «‹Boymath› ist, wenn er behauptet, 1,80 m gross zu sein, aber eigentlich 1,73 m misst.» Der Fokus dieses Artikels liegt auf «Girlmath», weil dieser Begriff den Anlass für die vorliegende Auseinandersetzung mit finanzieller Bildung und dem Gespräch über Geld in Familien bildet.
Obwohl «Girlmath» erst durch Social Media so richtig ins Rollen kam und dort populär wurde, liegt der Ursprung dafür ganz woanders – nämlich im Radio. Seinen Anfang nahm der Begriff im Sommer 2023 in der neuseeländischen Morgensendung «Fletch, Vaughan & Hayley» des Senders ZM.
In einer wiederkehrenden Rubrik schilderten Hörerinnen einen grösseren Kauf, bei dem sie ein schlechtes Gewissen plagte – und Moderatorin Hayley Sproull rechnete ihn gemeinsam mit ihren Produzentinnen so lange schön, bis er praktisch gratis oder sogar als ein gutes Geschäft erschien. Zum Einsatz kamen dabei bewusst überspitzte Rechenwege: die Kosten pro getragenem Tag, ein möglicher Wiederverkaufswert oder die Behauptung, Bargeld sei ohnehin «kein echtes Geld».
Von dort war es nur ein kurzer Weg ins Netz: Innerhalb weniger Wochen entwickelte sich «Girlmath» zu einem viralen Social-Media-Trend, zuerst auf TikTok, später auf Instagram und X.
Woran sich der Social-Media-Trend erkennen lässt, ist vielfältig. Allen Beispielen gemeinsam ist dasselbe Denkmuster: Ein Kauf wird so lange umgerechnet, bis er gratis, gewinnbringend oder zumindest vernünftig erscheint. Fallen beim Nachwuchs Sätze wie die folgenden, handelt es sich um genau diese Logik:
Zunächst einmal sollten Eltern wissen, dass der Social-Media-Trend vor allem eines sein soll: ein Witz, der mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. Die Beispiele sind bewusst übertrieben und spielen mit absurden Rechnungen, um alltägliche Ausgaben humorvoll zu rechtfertigen. Wer einen teuren Kauf mit «das war ja praktisch gratis» kommentiert, weiss in aller Regel selbst, dass die Rechnung nicht aufgeht – genau das ist die Pointe.
Problematisch wird es erst dann, wenn aus dem Spass eine echte Denkweise wird und solche «Rechnungen» tatsächlich das eigene Konsumverhalten beeinflussen. Wer sich Ausgaben ernsthaft schönredet, verliert den Blick für den wahren Preis. Die Folge: Man trifft finanzielle Entscheidungen, die man sich unter Umständen gar nicht leisten kann.
Gerade Kinder und Jugendliche stehen noch am Anfang ihrer finanziellen Sozialisation. Sie müssen den Umgang mit Geld erst erlernen – dazu gehört, finanzielle Entscheidungen zu treffen und deren Folgen abzuschätzen. Hinzu kommt: In diesem Alter ist die Grenze zwischen humorvoller Übertreibung und verinnerlichtem Denkmuster besonders durchlässig. Genau hier sind die Eltern gefragt.
Niemand prägt den Umgang von Kindern mit Geld so stark wie die Eltern – ob beim gemeinsamen Einkaufen oder bei Gesprächen am Familientisch. Und weil sie die Kaufentscheidungen ihrer Kinder aus nächster Nähe miterleben, merken Eltern auch, wenn aus Witz auf einmal Ernst wird.
Genau hier lohnt es sich anzusetzen. Statt zu moralisieren, zeigt man dem Nachwuchs besser konkret auf, wo die Rechnung nicht aufgeht.
Diese Ansätze können dabei helfen:
Auch wenn TikTok & Co. «Girlmath» bekannt gemacht haben – die Idee dahinter ist alles andere als eine Erfindung der sozialen Medien. Ihre Wurzeln reichen zum US-Ökonomen Richard Thaler zurück, der den psychologischen Mechanismus hinter «Girlmath» bereits 1980 und 1985 in zwei Arbeiten beschrieb. Thaler zählt zu den Pionieren der Verhaltensökonomik; jener Disziplin, die untersucht, warum Menschen beim Geld eben nicht immer rational entscheiden. 2017 erhielt er dafür den Wirtschaftsnobelpreis.
Der Fachbegriff für das, was Thaler erforschte, lautet Mental Accounting, auf Deutsch etwa mentale Buchhaltung oder -führung. Dahinter steckt eine simple Beobachtung: Wir sortieren Geld im Kopf in verschiedene Schubladen, statt es als ein einziges Ganzes zu betrachten. Eine Hunderternote bleibt zum Beispiel zwar immer gleich viel wert – doch ob wir sie als hart erarbeiteten Lohn, als unverhofften Gewinn oder als Ferienbudget abgespeichert haben, verändert, wie leicht sie uns wieder aus der Hand geht.
Und genau hier schliesst sich der Kreis zu «Girlmath»: Wer eine Rückerstattung als kleinen Geldsegen verbucht oder eine Barzahlung gefühlt gar nicht als Ausgabe zählt, führt im Kopf getrennte Konten – mit dem Ergebnis, dass die Rechnung am Ende nicht mehr aufgeht. Fazit: «Girlmath» ist also keine neue Erfindung, sondern lediglich die humorvolle Alltagsvariante eines Denkmusters, das die Wissenschaft längst benannt hat.
Wir verwenden Cookies, um sicherzustellen, dass wir Ihnen die beste Erfahrung auf unserer Webseite bieten können. Alle Details entnehmen Sie der Datenschutzerklärung.