Frederik Thomas, die Berufswelt befindet sich in einem Wandel und viele Jobs, die unsere Kinder einmal ausüben werden, gibt es heute wahrscheinlich noch gar nicht. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?
Ich denke, das wird nicht die Ausnahme, sondern der Normalzustand werden. Denn Berufe sind heute nicht mehr statisch, sondern in ständiger Bewegung und verändern sich aus einer Vielzahl von Gründen; unter anderem durch künstliche Intelligenz.
Das wirkt sich auch auf ganze Wertschöpfungsketten aus und damit letztlich auf die Jobs selbst. Es entstehen neue Berufsbilder, gleichzeitig verändern sich bestehende deutlich in ihrer Ausgestaltung.
Ein Beispiel ist der Arztberuf: Ärztinnen und Ärzte haben heute viel mehr technische Möglichkeiten, um Diagnosen zu stellen. Ähnlich ist es im Handwerk. Ich habe einige Schreiner im Bekanntenkreis und vernehme, wie sie heute viel stärker mit Sensorik und digitalen Vermessungssystemen arbeiten als früher. Bevor sie überhaupt ein Haus betreten, wird dieses beispielsweise zuerst digital vermessen, damit die Planung präziser und effizienter erfolgen kann.
Die Adaption von Technologie nimmt in allen Berufen zu. Dadurch verändern sich auch die Anforderungen an die Kompetenzen.
Sie haben es bereits angesprochen: Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der zentralen Themen der Arbeitswelt. Welche Auswirkungen hat KI aus Ihrer Sicht auf Berufsbilder?
Künstliche Intelligenz wird vor allem Standard-, administrative und wiederkehrende Routineaufgaben erleichtern. Ich glaube jedoch nicht, dass sie diese vollständig ersetzt. Aber wir werden lernen müssen, anders zu arbeiten.
Nehmen wir als Beispiel die jungen Erwachsenen, die gerade ein Studium absolvieren: Eine schriftliche Zusammenfassung von einem Text selbst zu erstellen, ergibt wenig Sinn, wenn ein KI-Tool das in Sekunden erledigen kann. Das heisst aber nicht, dass der eigene Mehrwert verschwindet – er verschiebt sich vielmehr. Auf dieses Beispiel bezogen liegt er dann nicht mehr im Zusammenfassen selbst, sondern darin, Inhalte aus dem besagten Text einzuordnen, kritisch zu hinterfragen, zu verknüpfen und daraus neue Schlüsse zu ziehen.
Für Berufsbilder bedeutet das: Man muss lernen, Technologie sinnvoll zu nutzen. Ich bin überzeugt, dass KI jedes Berufsfeld tangieren wird – unabhängig davon, um welchen Beruf es sich handelt. Entsprechend wichtig ist ein grundlegendes Technologieverständnis. Fehlt dieses, wird es schwierig. Junge Menschen sollten sich bewusst sein, dass sie einen Beruf nicht über Jahrzehnte hinweg unverändert ausüben werden, so wie sie ihn ursprünglich in der Berufslehre erlernt haben. Arbeitsinhalte und Anforderungen werden sich laufend weiterentwickeln.
Ich sehe KI nicht als Ersatz für den Menschen, sondern als Werkzeug, das man an die Hand bekommt. Im Zentrum steht, wie Technologie und Mensch zusammenspielen und nicht das Gegeneinander. Essenziell wird sein, dass die nächste Generation lernt, KI gezielt einzusetzen – um ihre Aufgaben schneller, produktiver und letztlich auch besser abzuarbeiten.
«Ich sehe KI nicht als Ersatz für den Menschen, sondern als Werkzeug, das man an die Hand bekommt.»
Frederik Thomas
Nebst KI: Was sind aktuell weitere wichtige Entwicklungen, welche die Arbeitswelt nachhaltig verändern?
Neben künstlicher Intelligenz gibt es mehrere Entwicklungen, die die Arbeitswelt nachhaltig prägen. Ein grundlegender Faktor ist etwa der demografische Wandel: Aktuell verlassen in der Schweiz mehr Menschen den Arbeitsmarkt, als neue Arbeitskräfte nachrücken. In vielen Bereichen fehlt es darum heute an Fachkräften. Unternehmen sind deshalb gefordert, stärker zu investieren und sich als Arbeitgeber attraktiver zu positionieren. Hier besteht in vielen Fällen noch Aufholbedarf.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit. Es geht zunehmend darum, ressourcenschonender zu arbeiten, sich von Wegwerfmodellen zu lösen und stärker in Kreisläufen zu denken; etwa im Sinne einer Kreislaufwirtschaft. Das verändert sowohl Geschäftsmodelle als auch Anforderungen an Mitarbeitende.
Schliesslich gewinnen veränderte Arbeitsformen an Bedeutung. Hybrides Arbeiten und flexible Modelle haben sich etabliert und werden die Arbeitswelt weiter prägen, auch wenn aktuell vereinzelt wieder ein Trend zurück ins Büro zu beobachten ist.
«Aktuell verlassen in der Schweiz mehr Menschen den Arbeitsmarkt, als neue Arbeitskräfte nachrücken. In vielen Bereichen fehlt es darum heute an Fachkräften.»
Frederik Thomas
Arbeit und Beruf sind wesentlicher Teil für die eigene finanzielle Sicherheit. Nach welchen Kriterien sollten junge Menschen heute entscheiden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen?
Das ist keine einfache Frage und lässt sich nicht mit einem einzelnen Kriterium beantworten. Es sind mehrere Aspekte, die eine Rolle spielen. Zunächst sollte sich jeder junge Mensch fragen: Wofür interessiere ich mich wirklich? Wo liegen meine Leidenschaften? Wo möchte ich Zeit und Energie investieren? Was macht mir Spass und wo liegen meine Stärken? Der Begriff «Beruf» kommt ja nicht zufällig von «Berufung».
Es sollte also nicht im Vordergrund stehen, wo man am meisten Geld verdient. Denn die Erfahrung zeigt: Wenn man gut in etwas ist, wird man auch gut dafür entlöhnt, weil man zu den Besten gehört – unabhängig vom Beruf. Wichtig ist deshalb, etwas zu wählen, das einem wirklich liegt und Freude bereitet.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Offenheit für Veränderungen. Denn wie bereits angesprochen wird der Beruf, den man heute erlernt, in dieser Form nicht über Jahrzehnte unverändert bestehen bleiben. Vielleicht spricht man zum Beispiel irgendwann nicht mehr vom Landschaftsgärtner, sondern von einem «Tech Engineer Gardening», weil viel stärker mit Maschinen und Technologie gearbeitet wird. Das wissen wir jetzt noch nicht. Wichtig ist deshalb, gedanklich flexibel und offen zu bleiben.
Welche Berufsfelder oder Ausbildungswege gelten in Ihren Augen aktuell als besonders zukunftsfähig?
Es gibt aus meiner Sicht fünf Berufsfelder, die besonders zukunftsfähig sind. Ein erster Bereich ist alles rund um Technologie – also Themen wie Cloud, IT, Datenanalyse oder Produktentwicklung. Diese Kompetenzen werden in nahezu allen Branchen weiter an Bedeutung gewinnen.
Ein zweiter wichtiger Bereich ist das Gesundheitswesen. Ich bin etwa überzeugt, dass Pflegefachkräfte nicht einfach durch Roboter ersetzt werden können. Gerade im menschlichen Bereich bleibt der persönliche Kontakt ein wesentlicher Bestandteil.
Drittens ist Bildung ein zukunftsträchtiges Feld. Klar: Auch das Lernen und das Lehren werden sich weiter verändern und weiterentwickeln. Aber auch hier braucht es Menschen, die Inhalte vermitteln, begleiten und gestalten.
Ein vierter Bereich ist alles rund um Energie und Nachhaltigkeit. Die Frage, wie Unternehmen ressourcenschonender wirtschaften und ihren Beitrag dazu leisten können, wird immer wichtiger.
Und last but not least: das klassische Handwerk. Berufe wie Schreiner oder Elektriker bleiben relevant, verändern sich aber ebenfalls. Wie bereits eingangs angesprochen, arbeiten auch diese Berufsgruppen deutlich stärker mit digitalen Tools und neuen Technologien als früher.
Welche Rolle spielen künftig klassische Fachkompetenzen – die sogenannten Hard Skills – im Vergleich zu überfachlichen Fähigkeiten, den Soft Skills? Wie entwickelt sich das Zusammenspiel zwischen beiden?
Hard Skills werden zweifelsohne wichtig bleiben. Ich möchte beispielsweise nicht von einer Ärztin behandelt werden, die zwar gute Soft Skills hat, aber nicht weiss, wie man unterschiedliche Verletzungen korrekt versorgt. Fachliches Wissen bleibt also bedeutsam.
Die Bedeutung von Soft Skills wird weiter zunehmen. Dazu gehören Kommunikation, kritisches Denken oder auch Selbstführung. Denn: Die Berufswelt wird komplexer werden. Wir erledigen heute viel mehr Aufgaben in kürzerer Zeit und sind deutlich mehr Einflüssen ausgesetzt als früher. Während früher ein Arbeitstag klar strukturiert war, sind wir heute ständig unterschiedlichen Reizen und Informationen ausgesetzt.
Diese permanente Reizüberflutung erfordert ein hohes Mass an Resilienz, um überhaupt gut arbeiten zu können. Genau hier spielen Soft Skills eine tragende Rolle.
Ich würde es deshalb so zusammenfassen: Hard Skills geben Tiefe, Soft Skills geben Wirkung. Ausschlaggebend ist die Kombination aus beidem.
«Hard Skills geben Tiefe, Soft Skills geben Wirkung.»
Frederik Thomas
Wenn Sie Eltern abschliessend eine zentrale Empfehlung mitgeben könnten: Was ist das Wichtigste, um Kinder bestmöglich auf die Arbeitswelt der Zukunft vorzubereiten?
Ich würde hier nochmals auf die Offenheit für Veränderung zurückkommen. Eltern sollten ihre Kinder darauf vorbereiten, dass sich immer alles permanent verändern wird.
Konkret bedeutet das: Neugier fördern, Selbstvertrauen stärken und vor allem Lernfreude entwickeln. Der Spass am Lernen ist aus meiner Sicht zentral, denn nur dann entsteht die Bereitschaft, Neues zu gestalten, auszuprobieren und sich auf Veränderungen einzulassen. Aus dieser Offenheit heraus entstehen auch neue Ideen und Möglichkeiten.
In diesem Zusammenhang ist das Erwerben von Technologieverständnis von Belang. Dabei geht es nicht darum, Kinder einfach möglichst früh mit digitalen Geräten auszustatten. Vielmehr sollten Eltern ihre Kinder aktiv begleiten – also mit ihnen gemeinsam neue Tools ausprobieren, etwa Geschichten oder Bilder mit KI erstellen und dann darüber sprechen, was funktioniert, was gefällt und was nicht. Diese gemeinsame Auseinandersetzung finde ich enorm wichtig. Technologie ist kein Erziehungsersatz, sondern ein Mittel für die Zukunft.
Frederik Thomas ist Chief Technology Officer und Dozent für digitale Transformation und Leadership an verschiedenen Hochschulen in der Schweiz.
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