Geld sparen ist bei Familie H. ein grosses Thema
Reportage: Eine Familie zwischen Konsum und Sparsamkeit
Miriam Bosch 7 Minuten

Eddie ist 17 und in der Ausbildung zum Montage-Elektriker. Er geniesst es, sein eigenes Geld zu verdienen und auszugeben. Ohne die Unterstützung seiner Mutter wäre sein Sparkonto womöglich leer – und sein Festivaltraum in Gefahr geraten. Eine Familie zwischen Konsum und Sparsamkeit.

Es ist kein hoher Lehrlingslohn, und doch viel Geld für einen Teenager, der noch zu Hause lebt: 750 Franken verdient Eddie monatlich, rund 700 Franken bekommt er ausgezahlt. Doch die gehen neben Handykosten, Bahnabonnement und Essen vor allem für Kleidung und Schuhe drauf. «Sparen ist nicht meine Stärke», gibt Eddie zu. «Ich kann oft einfach nicht widerstehen.» Besonders verlockend: sogenannte Drops, Online-Verkäufe von limitierten Produkten also. «Ich rufe die Seite dann kurz vor dem Verkaufsstart auf und aktualisiere sie laufend, bis es losgeht», erzählt der Jugendliche. «Für ein solches Shirt gebe ich schon mal zwischen 50 und 100 Franken aus.»

Eddie liebt Streetwear. «Die Vorfreude nach einer Bestellung ist gross», sagt der 17-Jährige.

Seine Mutter Petra kann darüber nur den Kopf schütteln. Noch weniger Verständnis als für teure Markenshirts hat sie allerdings für Billigware aus Übersee. «Eddie liebt es, verschiedene Outfits zu haben», erzählt die 46-Jährige. Mode und Styling sind für ihn ein Hobby. Dazu gehören auch Ketten, Gürtel und Taschen, die ihr Sohn gern bei asiatischen Online-Shops bestellt. «Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ein Päckchen aus China im Milchkasten liegt», gesteht sie. Mit nachhaltig produzierter Mode hätte sie weit weniger Mühe. «Mir ist es wichtig, dass unser ökologischer Fussabdruck klein ist.» Neben den finanziellen Fragen thematisiert Petra darum mit ihren Kindern regelmässig, wie sich das eigene Konsumverhalten auf die Umwelt auswirkt.

Eddie bestellt oft online. Mit dem Openair-Frauenfeld-Ticket hat sich der 17-Jährige einen Traum erfüllt.

Freiwilliges Sparen hat nicht funktioniert

Zu Beginn seiner Lehre vor knapp zwei Jahren habe ihr Sohn noch versucht zu sparen. «Er hat einen Teil seines Lohns auf ein Sparkonto gelegt. Aber da er Zugriff darauf hatte, hat er das Geld nach und nach auf sein Lohnkonto geschaufelt. Bis es leer war.» Seit einigen Monaten zahlt Eddie, mehr oder weniger freiwillig, 125 Franken pro Monat auf ein Konto ein, über das seine Mutter die Hoheit hat. «Ich greife natürlich nicht darauf zu. Wenn Eddie Geld braucht, kann er mich fragen.» Zweck der Übung: Eddie soll lernen, dass nie der ganze Lohn verfügbar ist. «Schliesslich fallen später Kosten für Miete, Krankenkasse und Steuern an.»

Eddie fand die Idee, einen Teil seines Lohns «zwangzusparen», zunächst nicht gerade berauschend. Im Nachhinein aber ist er froh darüber. Gerade erst hat er das Ersparte – momentan 625 Franken – erstmals angezapft: für ein Konzert-Ticket. Über 300 Franken hat der Dreitagespass für das Openair Frauenfeld gekostet. «Erspartes zu haben ist cool, aber das Sparen selbst macht keinen Spass», findet Eddie. Seine Mutter hat ihn beim Kauf des Tickets unterstützt. «Im Gegensatz zu immer neuen Kleidungsstücken ist das für mich eine gute Investition», sagt sie. Ein Erlebnis wie ein Openair-Besuch mit seinen Freunden werde Eddie für immer in Erinnerung bleiben. Andere Jugendliche gäben viel Geld für Bar- oder Clubbesuche aus. «Das macht Eddie so gut wie nie.»

Eddies Vater hat Verständnis für das Konsumverhalten seines älteren Sohnes. «Ich konsumiere auch gern», gibt er unumwunden zu. Allerdings brauche er nicht 20 T-Shirts und zehn Paar Sneakers, sondern er leiste sich zum Beispiel ein schönes Rennrad. «Sparen fällt auch mir schwer.»

Seit etwa zehn Jahren leben die Eltern von Eddie und Lino getrennt. Guido ist froh, dass seine Ex-Partnerin Eddie zum Sparen anhält. Er selbst, glaubt er, würde das vermutlich nicht schaffen, weil seine Beziehung zum Geld viel lockerer sei. «Ich geniesse den Moment und lebe von der Hand in den Mund.» Trotzdem findet er, dass sein Sohn es schaffen sollte, einen Teil des Lohns auf die Seite zu bringen.

Spontanität versus Disziplin

Eddies jüngerer Bruder schlägt mehr nach seiner Mutter. Der 15-Jährige besucht das Sportgymnasium in Luzern und erhält einen Jugendlohn von 300 Franken monatlich. Das meiste davon gibt er für Essen aus, denn oft kommt er nach dem Fussballtraining beim FCL erst am späteren Abend nach Hause. Trotzdem versucht er zu sparen. «Ich finde, ich bin ziemlich gut darin», sagt er selbstbewusst. Er verzichte etwa auf teure Getränke beim Mittagessen und esse, wenn immer möglich, daheim. So bleiben jeden Monat rund 50 Franken von seinem Lohn übrig. Bevor er etwas kaufe, erzählt er, denke er lange darüber nach. Nur beim BVB-Shirt musste der bekennende Borussia-Dortmund-Fan nicht lange überlegen. «Ich habe es mir sogar von Karim Adeyemi signieren lassen», erzählt er stolz.

Lino ist Fan von Borussia Dortmund. Das Shirt im Wert von 69 Franken hat er sich von seinem Ersparten geleistet.

«Eddie und ich entscheiden spontan, Petra und Lino überlegen so lange, bis ihr Objekt der Begierde ausverkauft ist», bringt Guido die unterschiedlichen Mentalitäten in der Familie auf den Punkt. Doch auch, wenn bei ihm das Geld lockerer sitze als bei seiner Ex-Partnerin, sei er nicht mit allem einverstanden, was sein Erstgeborener tue. «Sparen ist schwer. Aber ich wünsche mir, dass Eddie sein Geld reflektierter und nicht nur für materielle Dinge ausgibt. Dafür mehr für Erlebnisse wie das Openair oder für sportliche Aktivitäten mit seinen Freunden spart.»

Eddie, der im August das dritte Lehrjahr beginnt, ist allerdings noch nicht so weit. «Nach dem Sommer verdiene ich 300 Franken mehr», freut er sich. Wofür er sein Geld ausgebe, sei seine Sache. «Ich finde, mit 17 muss ich meine Eltern nicht mehr fragen, was ich bestellen darf. Ich stehe jeden Morgen um 6 Uhr auf, gehe zur Arbeit und verdiene mein Geld selbst.» Petra seufzt. «Einerseits hat er ja recht. Es ist sein Geld und er darf entscheiden, wofür er es ausgibt. Andererseits liegt es mir am Herzen, dass er mehr Bewusstsein für das Geld entwickelt.» Sie schmunzelt. «Um die Diskussionen mit mir kommt er nicht herum.»